I.
Neben epochalen Gliederungsbegriffen wie der ‚Postmoderne‘ und dem ‚Posthistoire‘ ist es besonders der Topos des ‚Postfaktischen‘, der in den Feuilletons zur Charakterisierung des gegenwärtigen Zeitalters herangezogen wird. Eine solche Kennzeichnung erweckt den Eindruck, dass der Verlust einer absoluten Wahrheit ein genuin modernes und einzigartiges Phänomen darstelle. Demnach verweist dieses grundstürzende Ereignis auf den Untergang der christlichen Sinnerzählung zurück (‚Gott ist tot‘), in der die göttlichen Gebote und die theologischen Dogmen als unumstößliche Wertinstanzen verstanden wurden. Die unmittelbar politische Relevanz des ideengeschichtlich einschneidenden Wegfalls eines überzeitlichen Wahrheitsgaranten bezeugt sich indes in der aktuellen Diskussion über fake news und ‚alternative Fakten‘.1Demzufolge wandelt sich die Bedeutung der Lüge von einer politischen Machtstrategie hin zu ihrer gezielt eingesetzten Selbstdarstellung als Gegenwahrheit. Vgl. dazu den differenzierten Beitrag von Antonia Grunenberg, „Die Lüge als System. Hannah Arendt und die Krise der Demokratie“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 62 (2017), 6, S. 63-72. Bekanntlich sind diese Stichworte vorrangig mit der Rhetorik des amtierenden amerikanischen Präsidenten verknüpft.
Es ist der Sprachduktus der ‚alternativen Fakten‘, der sich für einen allein an der erfolgreichen Durchsetzung seiner Wunschvorstellungen interessierten Akteur anbietet. Gestützt auf eine Meinungsbildung, die auf subjektiver Wahrnehmung oder unüberprüfbaren Konstruktionen beruht, schwingt er sich zum angeblich einzig vertrauenswürdigen Wahrheitsmaßstab auf. Zu einer sachgerechten Untermauerung dieses Anspruches aufgefordert, beruft er sich ausweichend entweder auf die künftige, hypothetische Praxisbewährung seiner Einschätzungen, das soziale Prestige oder auf seine bisherigen Erfolge. Als ‚wahr‘ wird nur noch zugelassen, was der eigenen Willensrichtung entspricht und den bereits beschlossenen Entscheidungen dienlich ist. Das Gerechte löst sich in „das dem Stärkeren Vorteilhafte“2Vgl. Platon, Politeia 340b (übers. von F. Schleiermacher). auf, der die moralischen Normen nach eigenem Gutdünken setzt. Selbst vor problematischen Verschwörungstheorien nicht gefeit, sucht er sich vor jeder Kritik zu schützen, indem er genau diesen Vorwurf immer wieder an die Kontrahenten richtet. In ethischer Hinsicht ist also schon an dieser Stelle hervorzuheben, dass die Leugnung eines transsubjektiven Erkenntnismaßstabes keineswegs mit einer freiwilligen Toleranz der jeweils anderen Perspektiven einhergehen muss. Dies lässt sich auch anhand einiger zentraler Gestalten der neuzeitlichen und zeitgenössischen Philosophie bekräftigen.
II.
Es gehört zur skeptischen Grundausrichtung von postmodernen Denkerinnen und Denkern wie Judith Butler und Michel Foucault, nahezu jede Gesetzgebung als geronnenes Resultat der jeweils herrschenden ‚Ideologie‘ zu enthüllen. In ähnlich befreiender Weise scheint der Philosoph Friedrich Nietzsche vorzugehen. Nietzsche betrachtet die metaphysischen Grundgedanken des Abendlandes in ihrer geschichtlichen Entwicklung und führt sie allesamt auf einen egoistisch motivierten Willen zur Macht zurück. Es ist ersichtlich, dass diese kritische Rückführung mit der vollständigen Aushebelung eines übergeordneten Beurteilungskriteriums einhergeht. Alsdann verbleibt als einzige Legitimationsbasis politischer Herrschaft nur noch die Verabsolutierung jener sich selbst wollenden Macht, die aus dem multiperspektivischen Streit als Sieger hervorgegangen ist. Dies spiegelt sich aktuell in dem Aufstieg autokratischer Regime wider.
III.
In diesem Beitrag soll dennoch aufgezeigt werden, dass die Brüchigkeitserfahrung scheinbar unantastbarer Sinnbezüge keineswegs einen allein der Moderne vorbehaltenen Problemzusammenhang repräsentiert. Bereits in der griechischen Antike wurde ein ähnlicher Konflikt auf dem höchsten philosophischen Niveau ausgetragen. In einem epochemachenden Streitgespräch trafen die platonische Begründung der abendländischen Metaphysiktradition und der moralisch-erkenntnistheoretische Skeptizismus der Sophisten direkt aufeinander. Mit der Lehre der unvergänglichen Ideen suchte Platon auf der einen Seite den Ewigkeitsgehalt wahrer Erkenntnis zu sichern. Demgegenüber betonten die Sophisten auf der anderen Seite die Standpunktgebundenheit der menschlichen Wahrnehmung. Auf dieser Grundlage bezweifelten die Sophisten die Existenz einer einheitlichen und nicht perspektivisch gebrochenen Wahrheit. Die Sophistik bildete sich in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in den griechischen Poleis heraus. Diese in sich heterogene, aufklärerische Bewegung stellte das konventionelle Normenverständnis fundamental in Frage. Trotz ihrer prüfenden Neubestimmung von Schlüsselbegriffen und ihrer Beförderung einer individualistischen Erziehungskultur ist mit der Sophistik vornehmlich die negative Einfärbung einer rhetorischen Überzeugungskunst verbunden. Der Kernvorwurf gegen die Sophistik lautet, dass diese die Wahrheit der Sache in undurchschaubare Sprachspiele auflöse. Dergestalt werde der einzige Gesprächssinn in der effektvollen Überwältigung des Dialogpartners gesehen.
IV.
Bereits in seinen frühen Dialogen Protagoras und Euthydemos arbeitet Platon drei Grundsätze der sophistischen Rhetorik heraus. Diese antilogischen Voraussetzungen der Sophisten münden letztlich in einer Aufhebung des Unterschiedes von Wahrheit und Irrtum. Dabei ist es die leitende These dieses Beitrages, dass die unten aufgelisteten, sophistischen Grundsätze auch den Autoimmunisierungstendenzen populistischer Bewegungen zugrunde liegen. Es sind die folgenden drei sophistischen Doktrinen, die auch den heutigen Diskurs über ‚fake news‘ und ‚alternative Fakten‘ stützen:
(1) Nichtexistenz des Irrtums.
(2) Einebnung des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch.
(3) Möglichkeit der kontradiktorischen, aber gleichberechtigten Reden über denselben Sachverhalt.
Platon entfaltet den systematischen Zusammenhang dieser drei Prinzipien einer eristischen Dialektik3Die Bedeutung dieses Wortgefüges setzt sich aus den beiden Ausdrücken „eristisch“ (von altgr. ‚eris‘; „Streit“) und „Dialektik“ (aus dem altgr. dialektiké [téchne]; „Überredungskunst“) zusammen. Die Verbindung beider Worte wurde maßgeblich durch den Philosophen Arthur Schopenhauer geprägt, der seiner Sammlung rhetorischer Kunstgriffe ebendiesen Titel gab. Deren methodische Anwendung soll nach Schopenhauer die situativ überzeugende Durchsetzung der eigenen Meinung gestatten, auch wenn diese keinerlei wahren Sachbezug für sich beanspruchen kann. besonders luzide im Gespräch zwischen Sokrates und Euthydemos. Dieses findet sich in dem nach ebenjenem Streitkünstler benannten Dialog Euthydemos. Euthydemos vertritt zunächst die Position, dass es unmöglich sei zu lügen (1), weil jede Rede notwendigerweise einen bestimmten Gegenstand zum Inhalt habe. Sobald also eine mit sich selbst übereinstimmende, von anderen Dingen unterschiedene Wesenheit ausgesprochen wird, wird in jeder Rede etwas thematisiert, das ist. Wer aber ein Etwas aussagt, das ist und gedacht werden kann, erfasst etwas Wahres.4Vgl. Platon, Euthydemos 284a. Einzig das Nichtseiende könnte also am jeweiligen Gegenstand als Signum des Falschen ausgewiesen werden. Indes kennzeichnet es nach Euthydemos einen undenkbaren Weg, das nie und nirgends Seiende in der Rede eigens hervorzubringen.5Vgl. ebd., 284b. Wenn also jede Rede etwas Seiendes und damit Wahres nennt, kann das Worüber des Beredeten niemals im Bereich des Irrtums verortet werden.
Um diese auf einer strengen Trennung von Sein und Nichtsein beruhende Position gegen jede Kritik abzusichern, argumentiert Euthydemos in einem zweiten Schritt, dass ein Widersprechen generell unmöglich sei (2). Die Begründung für dieses provokante Diktum verläuft erneut auf der Basis der begrifflichen, nicht-widersprüchlichen Unterscheidung von Sein und Nichtsein (‚das Sein ist nicht das Nichts‘). Es gehört zur sich selbst aufhebenden Ironie der sophistischen These, dass bereits in den Prämissen die doch gerade bestrittene Gültigkeit des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch (derselben Sache kann nicht dasselbe in derselben Beziehung zugleich zukommen und nicht zukommen) unterstellt werden muss.
Wenn sich beide Dialogpartner in ihren Aussagen auf dieselbe, mit sich identische Sache beziehen, so setzt Euthydemos fort, widersprechen sie einander nicht. Sollte der eine Opponent hingegen leugnen, dass es sich mit der bestimmten Sache auf die angegebene Weise verhält, so spricht er nach Euthydemos gar nicht über denselben Gegenstand. Insofern er dem als seiend Ausgesagten etwas Nichtseiendes (‚X verhält sich nicht wie Y‘) entgegenhält, vermag er die Sache nicht mehr zu treffen.6Vgl. ebd., 286b. Folgerichtig weitergedacht, löst Euthydemos die Gegebenheit der Sache in ihr jeweiliges Vorgestelltsein auf. So gelangt Euthydemos zu einer subjektivistischen Verkürzung des Homo-mensura-Satzes (‚aller seienden Dinge Maß ist der Mensch‘), als dessen Urheber der Philosoph Protagoras gilt. Euthydemos erhebt jeden Einzelnen zum Maßstab des jeweils für wahr Gehaltenen. Damit wird in einem dritten Schritt das ebenfalls auf Protagoras‘ Urheberschaft zurückgehende Zwei-Logoi-Prinzip eingeholt, wonach sich über jede Sache in zwei entgegengesetzten Weisen sprechen lasse (3). Wenn sich die Richtigkeit von Eigenschaftsaussagen nicht mehr an dem substantiellen Gegenstand selbst überprüfen lässt, wird dieser zum Objekt willkürlicher Zuschreibungen.
V.
Wie gelingt es Sokrates, Euthydemos‘ Geltungsaufhebung des Widerspruchsprinzips und die damit zusammenhängende Unfehlbarkeitsthese (niemand, der etwas Bestimmtes sagt oder denkt, kann sich täuschen) ad absurdum zu führen? Zuerst wählt Sokrates ein Argument, das direkt auf das überlegene Sendungsbewusstsein der Sophisten abzielt. Die Sophisten behaupten, das größte Wissen über die Tugend zu besitzen und sie deswegen am besten lehren zu können. Sokrates wirft die Frage auf, wozu es überhaupt des sophistischen Unterrichts bedarf, wenn doch niemand im Handeln oder Sprechen fehlgehen könne?7[1] Vgl. ebd., 286b. [1] Vgl. ebd., 287a-b. Sollten Euthydemos und sein Bruder Dionysodoros nun den Versuch unternehmen, die von Sokrates vorgebrachte Kritik zu widerlegen und dessen Aussage als falsch zurückzuweisen, müssten sie entweder gegen ihre erste Doktrin einer Leugnung des Irrtums verstoßen. Oder sie müssten den – gemäß dem zweiten eristischen Prinzip außer Kraft gesetzten – Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wieder zum Leben erwecken. Solange Euthydemos und Dionysodoros nämlich im Rekurs auf den ersten Grundsatz daran festhalten, dass niemand fehlen könne, lässt sich auch Sokrates‘ Bestreitung ebenjener Lehre nicht anfechten. Dadurch tritt der Satz Nr. 1 jedoch notwendigerweise in einen Widerspruch zu der von Sokrates verfochtenen Gegenmeinung. Die Pointe liegt offenkundig darin, dass sich auch Sokrates in seinem dem ersten Prinzip diametral entgegengesetzten Theorem (‚ich behaupte, dass der Satz, wonach Irrtum unmöglich ist, falsch ist‘) auf den Gehalt ebenjenes Satzes berufen kann (‚wenn Irrtum unmöglich ist, kann ich mich auch in der Negation dieses Satzes nicht irren‘).
Falls die Sophisten hingegen Sokrates aktiv zu widerlegen suchen, müssen sie ihren zweiten Satz aufheben, um ihr erstes Prinzip zu retten. Die Sophisten müssen das zuvor ausgeschlossene Widersprechen-Können wieder einräumen. Soll dieses zu einer wirklichen Widerlegung fortschreiten und nicht bei einer skeptischen Urteilsenthaltung stehenbleiben, muss zugleich behauptet werden, dass die gegnerische Auffassung falsch ist. Dergestalt kann es nicht mehr der Richtigkeit entsprechen, dass der Irrtum eine faktische Inexistenz besitze. Angesichts dieser Verwicklung in Aporien und performative Selbstwidersprüche gelangt Sokrates zu dem Schluss, dass der Satz vom Widerspruch ein notwendiges Prinzip des Denkens bildet. Der Satz vom Widerspruch muss selbst von demjenigen in Anspruch genommen werden, der ihn zu negieren sucht. Im Dialog Euthydemos resümiert Sokrates diese fundamentale Unerschütterlichkeit des Satzes vom Widerspruch mit den ironischen Worten:
„Also, o Dionysodoros und Euthydemos, scheint dieser Satz [d. h. die Negation der Möglichkeit des Irrtums, J.K.] immer auf demselben Fleck zu bleiben und noch immer, wie vor alten Zeiten, indem er umwirft, mitzufallen; und dagegen, daß ihm dieses nicht begegne, scheint nicht einmal eure Kunst ein Mittel ausgefunden zu haben, die doch so ganz bewunderungswürdig ist in der Genauigkeit des Redens.“8Ebd., 288a (übers. von F. Schleiermacher).
Somit kann die ideelle Quelle dieser rhetorischen Argumentationstechniken schon bei den Sophisten aufgespürt werden. In Anbetracht dieses historischen Rückbezuges kann die faktische Herausbildung populistischer Strömungen nicht mehr dazu dienen, in den Klagegesang eines kulturellen Unterganges des Abendlandes einzustimmen. Vielmehr kann den Opponenten einer unvoreingenommenen Wahrheitsprüfung der Spiegel vorgehalten werden. Ihre interessenbestimmten Vereinfachungen lassen sich nämlich auf logisch unhaltbare Grundoperationen zurückführen. Da Platon die Selbstwidersprüchlichkeit der sophistischen Logoi in aller Deutlichkeit nachweist, sind auch seine Gegenargumente und Widerlegungsstrategien aktueller denn je. In philosophiehistorischer Hinsicht lässt sich abschließend festhalten, dass die aufgezeigte Strukturähnlichkeit zwischen der sophistischen Dialektik und der postmodernen Wahrheitsproduktion nicht nur einer Interpretation der Ideengeschichte als monolithischer Fortschritts- wie auch Verfallsgeschichte Einhalt gebietet. Vielmehr wird auch eine rein kontextualistische Deutung obsolet, wonach jede Epoche mit ganz eigenständigen Fragen ringt, die miteinander unvergleichbare, nur für einer klar umrissene Periode gültige Antworten respektive Lösungsvorschläge freisetzen. Im Kontrast dazu, lässt sich auf der Basis unserer Ausführungen für das historiographische Modell einer variierten Wiederholung plädieren. Dieses hermeneutische Modell erlaubt es, eine Persistenz drängender Fragen und existenzieller herausfordernder Themen – wie der philosophischen Bedeutung der Wahrheit – zu stipulieren, ohne die jeweils divergierende kontextuelle Einbettung zu leugnen.


